Du bereust nur die Dinge, die du nicht versucht hast – wann ist man zu alt für ein Kind?

Du bereust nur die Dinge, die du nicht versucht hast – wann ist man zu alt für ein Kind?

Das hier ist ein sehr persönlicher Artikel und dazu muss ich ein bisschen ausholen.

Schon als Kind war mir klar, ich möchte später Kinder haben (mindestens zwei). Ich wusste nicht, was ich beruflich machen will, aber diese eine Sache war mir immer klar. Ich möchte eine Familie.
Ich wurde erwachsen und musste mich für eine Zukunft entscheiden.
Wie gesagt, ich wusste nicht, was ich werden will, also fing ich an zu studieren. Erst irgendwas, dann wechselte ich zum Lehramtsstudium. Das war schon mal ein Schritt in die richtige Richtung, doch richtig glücklich war ich damit nicht.

Zuerst versuchte ich es mit einem Uni- Wechsel, doch das war es immer noch nicht. Ich merkte immer mehr, ich will etwas anderes.
Eine Freundin, die mit mir zusammen studierte, brachte mich auf den richtigen (?) Weg. Also brachen wir zusammen die Uni ab und begannen eine Ausbildung zur Erzieherin.
Auch heute noch im Prinzip mein Traumberuf. Ich arbeite gern mit Kindern und eigentlich auch gerne mit den Eltern.
Die Bedingungen unter denen wir arbeiten sind schrecklich. Es ist ein enorm zehrender und stressiger Job, der kaum wertgeschätzt wird und ich würde heute niemandem empfehlen, sich dafür zu entscheiden.

Ich lernte meinen Mann kennen und wurde schwanger. Ich habe heute eine wunderbare kleine Familie, mit einer tollen Tochter, aber es fehlt mir etwas!
Als meine Tochter etwas größer war, fing ich an zu arbeiten und schon war ich im Hamsterrad gefangen.

Ich verschob alle meine Wünsche. Auf die Frage, ob ich ein zweites Kind wolle, antwortete ich mit:“Ja…irgendwann.“

Meine Familie musste oft zurückstecken. Oft wenn Veranstaltungen in der Kita waren, musste jemand anderes hingehen, weil ich meistens zur gleichen Zeit auch eine Veranstaltung hatte.
Und der Wunsch nach einem zweiten Kind rutschte weiter nach hinten.
Ich hatte (und habe) schon für mein eines Kind kaum Zeit, abgesehen davon muss man sich ein zweites Kind auch noch leisten können und so verschob und verschob ich meine Wünsche.

Doch dann passierte etwas – ich wurde ungeplant schwanger und wusste nicht, was ich machen soll.

Es stand eine große Anschaffung an, ich wusste unsere Wohnung ist zu klein und ich wusste, das Geld würde nicht reichen.
Ich habe tagelang geweint, aber im Innersten wusste ich, ich will dieses Kind, egal wie ungünstig die Bedingungen sind.
Mein Mann war toll, stand hinter mir, sagte mir immer wieder wir schaffen das schon irgendwie und gab mir ganz viel Kraft.

Schließlich entschied ich mich für das Kind, doch dann passierte das für mich Unfassbare.

Ich hatte eine Fehlgeburt (noch ganz früh, in der sechsten Woche)!
Ich trauerte sehr und der Wunsch nach einem zweiten Kind wurde größer.
Dennoch gab ich es vor niemandem zu, selbst vor meinem Mann nicht. Nachdem er gesehen hatte, wie sehr ich gelitten hatte, wollte er lieber kein weiteres Kind und ich nahm es hin.

Vor zwei Jahren passierte das Ganze nochmal.
Meine Regel blieb aus. Ich machte einen Test, dann noch einen – beide negativ. Also ging ich zum Arzt. Kurz vor dem Termin setzte eine starke Blutung ein und meine Ärztin erklärte mir, es sei in meinem Alter doch nicht ungewöhnlich, eine Woche überfällig zu sein. In meinem Alter (damals 38) gehe ich schließlich auch schon deutlich auf die Wechseljahre zu!
Sie ließ dann trotzdem noch einen Test machen, der überraschender Weise positiv war… nützte nur nichts mehr – der Abort ließ sich nicht mehr aufhalten.

Der Spruch jedoch hat mich ganz tief verunsichert.
Wir haben über ein Jahr lang versucht, nochmal schwanger zu werden, es klappt nicht mehr.
Heute versuchen wir es nicht mehr gezielt, aber wir tun auch nichts, um es zu verhindern. Auch weil mein Mann meint, wir seien langsam zu alt dafür.
Ich selbst bin hin und her gerissen zwischen dem Gefühl, mich in etwas hineinzusteigern, der Angst, ich sei zu alt und diesem riesengroßen Wunsch nach einem zweiten Kind.
Schwanger bin ich bis heute nicht und ich habe sehr große Angst davor, dass es nicht mehr klappt.
Ich bin dieses Jahr 41 alt geworden und ich habe wirklich Angst, zu lange gezögert zu haben.

Der Gedanke, der mich am Meisten beschäftigt, ist tatsächlich der, zu lange gewartet zu haben.
Dieses Gefühl, die Chance verpasst zu haben, einfach zu lange gezögert zu haben, selbst Schuld zu sein, weil ich meine Prioritäten falsch gesetzt habe, tut unglaublich weh!

Immer wenn ich schwangere Frauen sehe, oder Frauen mit Baby zerreißt es mir bald das Herz.
Im Freundeskreis gab es mehrere Schwangerschaften und es zerriss mich fast.
Doch ich habe gelächelt und gratuliert – und mich heimlich für meinen Neid geschämt. Ja, ich war neidisch! Auch wenn ich es meinen Freundinnen trotz allem gegönnt hab. Dieser Stachel im Herzen und die Frage “warum“, sie lassen sich nicht vertreiben. Gleichzeitig schäme ich mich dafür, so zu empfinden.
Ich glaube, deshalb sage ich auch nie die Wahrheit, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, oder ob wir denn kein weiteres Kind wollen. Was soll ich auch sagen? Soll ich sagen, dass ich alles dafür geben würde? Soll ich sagen, dass ich glaube, dass ich die Schuld bin, dass es zu spät ist, weil ich zu lange gewartet habe? Soll ich sagen, zeigt mir nicht eure positiven Tests und Ultraschallbilder, denn es schmerzt zu sehr?
Das sind Dinge, die sagt man nicht. Also antworte ich brav, es geht mir gut und ich wollte es so, wie es ist…und ich lächle, obwohl mir zum Heulen zumute ist.

Wie ich auf Dauer damit umgehen soll, dass weiß ich nicht, aber in meinem ganzen Leben ist das tatsächlich das Einzige, was ich anders machen würde, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte.

Ich bereue nichts, was ich getan habe, oder was mir aufgrund meiner Entscheidungen passiert ist, ich bereue einzig und allein, diese eine Sache nicht rechtzeitig versucht zu haben.

 

Warum ich darüber schreibe?

Ich habe sehr lange darüber nachgedacht,ob ich diesen Artikel überhaupt veröffentlichen soll – hab den Artikel vorbereitet, verändert und dann doch nicht veröffentlicht. Doch ich glaube, dass es viele Frauen gibt, denen es so geht wie mir – nur leider redet (oder schreibt) kaum jemand darüber und das finde ich traurig.

Mir hätte es schon oft sehr geholfen, mich mit jemandem über meine Gefühle austauschen zu können, oder zu sehen, dass es noch andere gibt, denen es so geht, wie mir und das ist auch der Grund, warum ich etwas so persönliches jetzt öffentlich mache. Ich hoffe, dass ich denjenigen, denen es so geht wie mir, vielleicht ein kleines bischen helfen kann. Ich möchte einfach zeigen, ihr seid nicht allein.

 

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